Klimaresiliente Städte: Wie digitale Innovationen CO-2-Emissionen reduzieren und Bürgerbeteiligung stärken können 

  • Autorin

    Stella Deppe

Der Klimawandel ist eine der größten globalen Herausforderungen unserer Zeit 

Die derzeitige Ressourcennutzung und der damit einhergehende Klimawandel gefährden die menschlichen Lebensgrundlagen. Die Zerstörung von Infrastruktur, Dürreperioden und der Anstieg des Meeresspiegels sind nur einige davon. Darüber hinaus hat er erhebliche negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, ist der Einsatz von digitalen Innovationen von entscheidender Bedeutung. Sie können im Idealfall alle gesellschaftlichen Akteure, wie die Industrie, KMU, Start-ups, den öffentlichen Sektor, die Städte und die Bürger*innen dabei unterstützen, die Treibhausgasemissionen zu verringern und sich in Richtung einer kohlenstoffneutralen Wirtschaft und Gesellschaft zu bewegen. 

 

Digitale Innovation zur Verbesserung der Klimaresilienz von Städten 

Die Welt wird immer urbaner. Seit 2007 lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, und dieser Anteil wird den Prognosen zufolge bis 2030 auf 60 Prozent ansteigen. Städte und Ballungsgebiete sind die Motoren des Wirtschaftswachstums – sie tragen rund 80 Prozent zum weltweiten BIP bei. Allerdings sind sie auch für etwa 75 Prozent der weltweiten Kohlenstoffemissionen und für über 60 Prozent des Ressourcenverbrauchs verantwortlich. Die rasche Verstädterung führt zu einer wachsenden Zahl von Slumbewohnern und einer unzureichenden und überlasteten Infrastruktur, sowie eine Verschlimmerung der Luftverschmutzung und landschaftlicher Zersiedelung.  

 

Digitale Innovationen, ob Low- oder Hightech, wie künstliche Intelligenz, Internet der Dinge (IoT) und Blockchain bieten Möglichkeiten zur Bewältigung städtischer Herausforderungen. Wenn sie in Sektoren wie Energie, Stadtverkehr, Bauwesen oder Wohnungsbau angewandt werden, können sie die Städte bei der Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung unterstützen. Digitale Technologien können einige der drängendsten städtischen Herausforderungen angehen. Werden sie mit sozial-ökologischen Innovationen kombiniert, kann sich ihre Wirkung sogar noch verstärken. Durch ein offenes Innovationsprogramm konnte das digilab des BMZ solche digitalen Wegbereiter für klimaresilientere Städte aufspüren.  

 

Digitale Technologien spielen bereits eine große Rolle, um Städte widerstandsfähiger zu machen. So helfen z.B. intelligente Verkehrsnetze oder Verkehrsleitsysteme, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Digital gesteuerte grüne Fassaden werden die Zukunft im Gebäudedesign sein, sowohl bei der Anpassung an als auch bei der Abschwächung von den Folgen des Klimawandels. Die bedarfsorientierte Steuerung des Energieverbrauchs und die Schaffung von Anreizen für die Nutzer*innen, ihren Stromverbrauch zeitlich zu steuern, haben in Städten wie Zürich4 bereits zu einer effizienteren Energienutzung geführt. 

 

Digitale Werkzeuge für das Katastrophenrisikomanagement 

Auch beim Katastrophenrisikomanagement (DRM) spielen digitale Instrumente eine immer größere Rolle. In den letzten Jahren wurden Frühwarnsysteme, intelligente Infrastrukturen, z. B. für die Regenwasserableitung, oder der Einsatz von KI für die Trendüberwachung und die Erkennung von Anomalien entwickelt, die sowohl der Katastrophenvorsorge als auch der Katastrophenbewältigung dienen.  

 

Städte sind komplexe Systeme, die sehr anfällig für Katastrophenrisiken sind, aber nicht alle städtischen Gebiete oder Bürger*innen sind gleichermaßen gefährdet. Leider gibt es einen Zusammenhang zwischen den sozioökonomischen Gegebenheiten der Stadtbewohner*innen und ihrer Gefährdung. So finden sich beispielsweise viele informelle Siedlungen in überschwemmungs- oder Hurrikane gefährdeten Gebieten. Darüber gibt es eine Konzentration von sozio-ökonomisch schwachen Stadtbewohner*innen in den Städten, die über die geringsten finanziellen und technischen Ressourcen zur Bewältigung von Katastrophenrisiken und -auswirkungen verfügen. 

 

Daraus ergeben sich zwei Herausforderungen: Einerseits müssen die Stadtverwaltungen im Hinblick auf Klimaresilienz den besonders vulnerablen Gebieten besondere Aufmerksamkeit widmen. Andererseits müssen sie Instrumente finden, die es ihnen ermöglichen besser auf Katastrophen zu reagieren bei paralleler Kontaktaufnahme zu den Bürger*innen, um die zukünftige Krisenreaktion zu verbessern.  

 

Ein digitales Katastrophenmanagement-Tool, gefördert vom BMZ digilab 

Es lohnt sich einen genauen Blick auf einen Gewinner des offenen BMZ-Innovationsprogramms, Innovate2030, zu werfen. Das Programm wurde gemeinsam mit der Make-IT Alliance und Challenge-Providern aus verschiedenen Sektoren wie UNFCCC, Bosch, Atos, dem Ministerium für IKT und Innovation in Ruanda sowie der Gemeinde Portoviejo (einer ecuadorianischen Stadt) durchgeführt.  

 

7 Tracks führten zu 7 verschiedenen Lösungen. Eine davon ist ACCTION. Hierbei handelt es sich um ein Instrument für das Katastrophenrisikomanagement. Das web- und Smartphone gestützte Tool ermöglicht Städten und Bürger*innen eine Bündelung von Reaktion und Vorbereitung auf, sowie Erholung von Katastrophen und Krisen und damit ein kombiniertes Management. Maßnahmen können innerhalb weniger Wochen entwickelt und umgesetzt werden, ohne dass externe Hilfe erforderlich ist. ACCTION bietet den Menschen eine einfache und strukturierte Möglichkeit, ihr eigenes Wissen in einem schrittweisen Prozess einzubringen, um: 

  • Risiken zu verstehen, denen die Städte ausgesetzt sind, seien sie nun natürlich oder vom Menschen verursacht 
  • konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Risiken zu definieren  
  • diese Maßnahmen sofort umzusetzen  

 

Zudem kann ACCION die Bürger*innen gleichzeitig informieren und die von ihnen eingegebenen Informationen als Ressource nutzen.  

 

Dies gelingt dem Katastrophenmanagementsystem indem es:  

  1. Kritische Infrastrukturen und Dienste kartieret, Risikobereiche ermittelt und Risikostufen berechnet 
  1. Warnungen an die Bürger*innen sendet und von ihnen empfängt 
  1. Sofort- und Recovery-Maßnahmen koordiniert 

 

Mit einem Low-Tech-Ansatz und aufbauend auf bewährten DRM-Rahmenwerken löst ACCTION die beiden vorangehend thematisierten Herausforderungen. Erstens ermöglicht es einer viel größeren Anzahl von Städten, insbesondere denjenigen mit den geringsten Ressourcen, eine Risikoanalyse und -bewertung vorzunehmen und unverzüglich darauf zu reagieren. Dadurch verringert sich der Bedarf externe Akteure (z. B. Beratungsunternehmen) in diese ressourcenintensiven Prozesse einzubinden5. Zweitens fördert das Instrument bürgerschaftliches Engagement. Es zielt darauf ab niemanden zurückzulassen und die Kommunikation mit den am stärksten gefährdeten Gemeinschaften in Krisenzeiten zu unterstützen. 

 

Das Tool wurde bisher in fünf Ländern (Ecuador, Cabo Verde, Honduras, Argentinien, Brasilien) mit mehr als 100 aktiven Nutzer*innen und mehr als 500 eingepflegten Datensätzen eingesetzt. 

 

Mit Hilfe des digilab-Innovationsprogramms des BMZ konnten wir nicht nur diese digitale Innovation ausfindig machen, die von den beiden Freunden Evandro Holz aus Brasilien und Mariano Rossi aus Argentinien, den Gründern des in Deutschland ansässigen Start-ups, entwickelt wurde. Wir konnten sie auch mit Partnern zusammenbringen, die daran interessiert sind, die Lösung im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit umzusetzen – und damit ihre Wirkung zu skalieren. Das Tool soll in einem weiteren BMZ-Partnerland mit den dortigen GIZ-Länderstrukturen angepasst und implementiert werden. Um dies erfolgreich zu tun, wird das BMZ digilab Teil dieser Reise sein, indem es gemeinsam mit allen beteiligten Stakeholdern eine solide Skalierungsstrategie entwickelt (unser Scaling Lab). 

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Skalierung der Wirkung einer digitalen Lösung ist die Einbindung von Partnern auf globaler Ebene, die über die deutsche Entwicklungszusammenarbeit hinausgeht. Dies wird am 17. November 2022 im Rahmen eines Side-Events auf der COP27 geschehen, das vom UNFCCC Global Innovation Hub ausgerichtet wird, einem Challenge Provider des BMZ-Innovationsprogramms digilab, der Kommunen im Rahmen seiner Netzwerkaktivitäten zusammenführt. 

 

Bleiben Sie dran und melden Sie sich hier für die Präsentation von ACCTION als Werkzeug für DRM an, das Echtzeit-Bürger*innendaten nutzt, um die Bedürfnisse der Beteiligten zu erfüllen.