Am 1. Mai gehen weltweit Arbeiter*innen und Bürger*innen auf die Straße, um für ihre Rechte einzutreten. Der Tag der Arbeit geht auf die Proteste organisierter Fabrikarbeiter*innen im Zuge der Industrialisierung zurück. Heute hat sich das Bild von Arbeit jedoch stark verändert: Viele Tätigkeiten finden am Bildschirm statt, bleiben oft unsichtbar, sind global vernetzt und rechtlich schwer greifbar.
Millionen Menschen verdienen ihr Einkommen inzwischen über digitale Plattformen statt bei klassischen Arbeitgeber*innen. Arbeitsschritte, Beschäftigungsformen und Interaktionen verlagern sich in einen globalen Online-Arbeitsmarkt, auf dem sich Arbeiter*innen und Auftraggeber*innen ausschließlich digital begegnen. Ob Essenslieferungen, Reinigungsdienste oder die oft unsichtbare Klickarbeit hinter künstlicher Intelligenz (KI), menschliche Arbeitskraft bildet das Rückgrat dieser digitalen Wertschöpfungsketten.
Doch ihr Status bleibt oft ungeklärt. Viele Plattformarbeiter*innen bewegen sich in einer Grauzone zwischen abhängiger Beschäftigung und Selbstständigkeit. Ohne klare Einordnung fehlen häufig arbeitsrechtlicher Schutz, verlässliche Verträge, soziale Absicherung und kollektive Interessenvertretung. Niedrige Bezahlung und unsichere Arbeitsbedingungen sind keine Ausnahme, sondern ein strukturelles Risiko.
Hinzu kommt: Plattformarbeit ist meist einsam. Anders als in klassischen Industrien arbeiten die Menschen nicht Seite an Seite, sondern allein vor dem Bildschirm, von zu Hause oder unterwegs. Sie kennen weder ihre Vorgesetzten persönlich noch haben sie Zugang zu betrieblichen Strukturen wie Personalabteilungen. Diese Isolation erschwert es erheblich, sich zu organisieren und gemeinsame Forderungen zu stellen.
Die Digitalisierung der Arbeit hat eine wachsende Lücke geschaffen zwischen der Art, wie Arbeit heute organisiert ist, und der Art, wie sie reguliert und geschützt wird. Genau hier setzt Fairwork an: Das Projekt untersucht Arbeitsbedingungen in der Plattformökonomie und definiert Mindeststandards für faire Arbeit. Gegründet wurde Fairwork 2018 vom Oxford Internet Institute und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, unterstützt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), und arbeitet seit 2021 in enger Partnerschaft mit der Gig Economy-Initiative. In acht Jahren hat sich Fairwork zu einem zentralen Akteur in der internationalen Debatte um digitale Arbeit entwickelt.
Der Erfolg des Projektes lässt sich auch in Zahlen ausdrücken: Rund 16 Millionen Arbeiter*innen wurden durch Forschung, Bewertungen und politische Dialoge erreicht – das entspricht in etwa der Bevölkerung der Niederlande. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die systematische Bewertung digitaler Plattformen.
Bisher wurden fast 900 Unternehmen in mehr als 40 Ländern analysiert. Daraus sind über 440 konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, wie die Einführung von Mindestlohnregelungen, klar verständliche Verträge sowie verbesserte Datenschutzstandards auf rund 90 Plattformen hervorgegangen. Um ein evidenzbasiertes Vorgehen zu gewährleisten, befragte Fairwork zudem über 8.300 Arbeiter*innen zu Themen wie Bezahlung, algorithmischem Management, Diskriminierung und Arbeitsschutz.
Über die unmittelbare Plattformarbeit hinaus beeinflusst Fairwork auch politische Prozesse. Forschungsergebnisse flossen unter anderem in die britische Digitalstrategie (2024–2030), den ASEAN Employment Outlook und jüngst in eine Bundestagsanhörung zu den Arbeitsbedingungen von Datenarbeiter*innen ein. Länderstudien lieferten zudem wichtige Impulse für rechtliche Debatten in Indien, Kenia, Brasilien, Deutschland und den USA. Damit steht Fairwork exemplarisch für eine neue Form internationaler Zusammenarbeit. Die Partnerschaft mit BMZ und GIZ zeigt, wie Forschung und Entwicklungspolitik zusammenwirken können, um globale Arbeitsstandards zu verbessern. Sie dient als Blaupause dafür, wie moderne Entwicklungszusammenarbeit systemische Wirkung entfalten kann.
Vor gut hundertfünfzig Jahren kämpften Arbeiter*innen an den Fließbändern der Industrialisierung für ihre Rechte. Heute steht die Welt erneut an einem Wendepunkt – diesmal im Zeichen digitaler Technologien. Die zentrale Frage bleibt dieselbe: Wie lässt sich sicherstellen, dass Arbeit fair, sicher und menschenwürdig ist?
Die Erfahrung von Fairwork legt nahe: Ohne belastbare Daten, internationale Kooperation und eine klare Orientierung an Menschenrechten wird diese Frage unbeantwortet bleiben. Mit solchen Partnerschaften besteht jedoch die Chance, die digitale Transformation sozial gerecht zu gestalten – im Sinne derjenigen, die sie tagtäglich tragen.