5 Fragen an … Dr. Bärbel Kofler

Dr.​ Bärbel Kofler

Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)

Kurzprofil

Dr.​ Bärbel Kofler wurde 1967 in Freilassing geboren. Nach einer Lehre als Bankkauffrau studierte sie Informatik und promovierte in Sprachwissenschaften. Seit 2004 ist sie Mitglied des deutschen Bundestages und wurde 2016 zur Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe ernannt. Im Dezember 2021 trat sie das Amt der Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) an.


Am achten März wird weltweit der internationale Frauentag gefeiert. UN Women hat ihn in diesem Jahr unter das Motto Digitalisierung gestellt: DigitALL: Innovation und Technologie für Gleichberechtigung. Wie können digitale Technologien zur Gleichberechtigung beitragen?

Zunächst geht es darum, Hürden abzubauen. Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Doch in der digitalen Welt sind Männer weiterhin in der Überzahl – vor allem in den Partnerländern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. In den ärmsten Ländern weltweit  hat gerade einmal eine von fünf Frauen Zugang zum Internet – bei den Männern ist es zumindest jeder dritte. Diese Kluft wirkt sich auch auf andere Bereiche aus: Über 90 Prozent der weltweiten Arbeitsplätze haben mittlerweile eine digitale Komponente. Ohne digitale Kompetenzen ist es schwierig, einen guten Job zu finden und der Armut zu entkommen. Frauen sind hier also besonders betroffen. Ziel muss es daher sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, um diese Lücke zwischen den Geschlechtern zu schließen.


Wie treibt das BMZ die Umsetzung geschlechtergerechter Rahmenbedingungen voran?

So banal es klingen mag: Dass so viele Frauen weiter „offline“ sind, hat auch etwas mit den Kosten zu tun: In vielen Partnerländern, speziell in Afrika, ist das Internet schlicht unerschwinglich teuer. Selbst also dort, wo die Internetnutzung technisch kein Problem wäre, bleibt die tatsächliche Nutzung weit hinter den Möglichkeiten zurück. Und das trifft besonders Frauen, die das Geld erst einmal für die existenziellen Grundbedürfnisse zurückhalten. Hier setzen wir an und unterstützen Länder z.B. bei der Regulierung ihrer Märkte, so dass Internettarife auch für die breite Bevölkerung bezahlbar werden. Oder wir stärken gezielt Frauen und Mädchen mit Kursen und Angeboten für digitale Fähigkeiten. Daneben bin ich überzeugt, dass wir Rollenvorbilder brauchen – und eine weibliche Perspektive auf das Themenfeld Digitalisierung: Deswegen unterstützt Ministerin Schulze gemeinsam mit der ITU, der Internationalen Fernmeldeunion, ein Netzwerk von Digitalministerinnen. Die ITU übrigens hat erstmal in ihrer Geschichte eine Frau an ihrer Spitze, das ist eine große Chance!


Das BMZ allein kann diese Herausforderung – die digitale Geschlechterkluft zu schließen – sicher nicht bewältigen, auf welche Partner setzen Sie?
 

Allein ist das tatsächlich nicht zu schaffen. Es braucht eine gemeinsame Kraftanstrengung! Als Ministerium zählen wir auf die Zusammenarbeit mit unserem internationalen Ökosystem aus Politik, Privatwirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Ein wichtiger Schritt für eine effektive Zusammenarbeit war der Start des entwicklungspolitischen [digital.global]-Netzwerks im Dezember 2022.
Es bringt Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft für die Ziele der digitalen Entwicklungszusammenarbeit zusammen, um gemeinsam eine digitale Transformation in den Partnerländern zu unterstützen, die fair, feministisch und nachhaltig ist.


Das klingt vielversprechend. Welche konkreten Projekte konnten in Zusammenarbeit mit Partnern bereits entstehen?

Ein wichtiges Projekt ist die digitale Lernplattform atingi. Sie fördert digitale Kompetenzen, indem sie hochwertige Lerninhalte zur Verfügung stellt und sie auf Frauen und Mädchen ausrichtet – zum Beispiel mit Kursen, die Frauen und Mädchen sensibilisieren und stark machen, damit sie sich vor geschlechtsspezifischer Online-Gewalt schützen können. In Zusammenarbeit mit der ITU, GSMA, Ernst & Young und W4 wird atingi in diesem Jahr in der Her Digital Skills-Initiative mitwirken und dazu beitragen, dass bis 2026 eine Million Frauen und Mädchen an kostenlosen Trainings zu digitalen Kompetenzen teilnehmen können. Wir wollen dadurch die Talentpipeline von Mädchen und jungen Frauen im MINT-Bereich erweitern und ihre Beschäftigungschancen im Sektor verbessern.


Was wünschen Sie Frauen und Mädchen im Jahr 2023?

Mehr weibliche Vorbilder in MINT-Berufen: Denn Vorbilder aus dem eigenen Umfeld haben einen großen Einfluss auf die spätere Studien- oder Berufswahl.  Auch wenn die digitale Kluft nach wie vor eine große Herausforderung darstellt, gibt es auch positive Zeichen: In der Türkei beispielsweise entfällt ein Drittel der Informatikabschlüsse inzwischen auf Frauen. Im Oman und in Malaysia sind etwa die Hälfte aller Ingenieure Frauen. Es ist Aufgabe der Politik, Strukturen zu schaffen, die eine gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ermöglichen. Und es liegt an jeder und jedem Einzelnen, die Chancen, die sich daraus ergeben, zu nutzen und vielleicht selbst zum Vorbild zu werden. Das gilt übrigens ausdrücklich auch für uns in Deutschland!