Unsichtbare Arbeit im Netz: Studie deckt Lücken in der Sorgfaltspflicht deutscher Unternehmen auf

Logos entwerfen, Daten labeln, Software reparieren. Cloudworker*innen im Globalen Süden halten digitale Geschäftsmodelle am Laufen. Warum ihre Arbeit bisher kaum als Teil von Lieferketten gilt, rückt nun eine Studie ins Licht.

Wenn sich Sara* morgens in Dhaka für die Arbeit einloggt, schlafen ihre deutschen Auftraggeber*innen noch. Bis sie aktiv werden, hat Sara bereits Logos gestaltet, Daten aufbereitet und Softwareprobleme gelöst. Einen direkten Kontakt gibt es fast nie. „Ich weiß selten, für wen ich arbeite“, erzählt sie. „Man sieht nur einen Nutzernamen. Trotzdem unterstütze ich Produkte weltweit.“ Sara steht exemplarisch für viele Cloudworker*innen. Sie erledigen ortsunabhängig Aufgaben, die über Plattformen wie Fiverr oder Upwork vermittelt werden.

Eine neue Studie von Dr. Fabian Braesemann (University of Oxford) und Moritz Marpe (TU Berlin), beauftragt durch die BMZ-Initiativen Globale Solidarität und Gig Economy, beleuchtet dieses globale Phänomen. Sie zeigt, wie Plattformen deutsche Firmen mit Remote-Arbeiter*innen in Ländern wie Bangladesch, Ägypten oder Serbien verbinden. Zudem untersucht sie, welche Pflichten sich daraus für Unternehmen durch das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) ergeben. Seit 2023 sind Firmen dadurch verpflichtet, Menschenrechts- und Umweltstandards entlang ihrer Lieferkette zu beachten.

Shelvan Moraa, Kundendienstmitarbeiterin bei Fundis, arbeitet in ihrem Haus im Dorf Tikha, 30 Kilometer von Nairobi, Kenia, entfernt. ©GIZ
Cloudwork als blinder Fleck globaler Lieferketten

Aktuell stellen deutsche Unternehmen nur einen kleinen Teil der weltweiten Online-Nachfrage. Doch der Markt wächst rasant. Zum einen, weil Firmen vermehrt auslagern. Zum anderen, weil künstliche Intelligenz mehr Datenarbeit wie Labeling erfordert. Die Entscheidungen deutscher Auftraggeber*innen beeinflussen direkt das Leben von Arbeiter*innen im Globalen Süden. Zwar verdienen manche gute Löhne, doch viele erreichen kaum das Existenzminimum. Hinzu kommen unsichere Einnahmen, lange Arbeitszeiten und fehlende soziale Absicherung. „Wenn ein Kunde nicht zahlt, hat man niemanden, an den man sich wenden kann“, berichtet ein ägyptischer Cloudworker.

Trotz dieser Probleme findet Cloudwork in den Berichten deutscher Unternehmen kaum Beachtung. Textanalysen zeigen: Digitale Fernarbeit gilt selten als Teil der Lieferkette. Und auf den einschlägigen Plattformen sind die Auftraggebenden schwer zu identifizieren, denn Links und Firmennamen werden oftmals einfach gelöscht.

Wachsende digitale Arbeit, wachsende Verantwortung

Dabei zeigt die Studie klar: Cloudwork lässt sich in bestehende Sorgfaltspflichtsysteme integrieren – und das ist nötig. Mehr Transparenz, klare Regeln zur Auftraggeber-Identifikation und faire Löhne wären zentrale Verbesserungen. Zudem braucht es zugängliche Beschwerdemechanismen, unabhängig von der Plattform. Entscheidend ist, dass Unternehmen Verantwortung übernehmen: durch Berichte, faire Arbeitsinitiativen und Risikoanalysen, die auch Cloudworker*innen einbeziehen.

Die Botschaft ist eindeutig: Digitalen Lieferketten endet nicht an Fabriktoren. Digitale Dienstleistungen sind Teil globaler Produktion. Deshalb müssen auch Remote-Arbeiter*innen geschützt werden. Der erste Schritt ist, sie sichtbar zu machen. Wenn Politik, Plattformen und Unternehmen gemeinsam handeln, kann Cloudwork von einer Schattenarbeit zu einer Chance für viele werden – ohne neue Risiken für die Schwächsten.

*Name geändert 

 

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