Daten statt Dürre: Digitale Karten für bessere Ernten in Ruanda
Wenn das Wetter und Ernteerträge unberechenbar werden, sind verlässliche Informationen entscheidend. In Ruanda zeigen digitale Karten erstmals genau, wo welche Pflanzen wachsen und helfen so, die Landwirtschaft besser an den Klimawandel anzupassen.
Weltweit geht rund ein Drittel aller Lebensmittel zwischen Feld und Teller verloren, etwa durch Schädlingsbefall, falsche Lagerung oder lange Transportwege. Der Klimawandel verschärft diese Verluste zusätzlich: Unregelmäßige Regenfälle, Trockenzeiten und extreme Wetterereignisse gefährden Ernten und machen die Planung für Landwirt*innen immer schwieriger.
Vor diesen Herausforderungen steht auch Ruandas Agrarsektor. Rund 60 Prozent der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft, weshalb sich bereits kleine klimatische Veränderungen direkt auf Einkommen und Ernährungssicherheit im Land auswirken. Da die Ernteerträge aufgrund des Klimawandels in den kommenden Jahrzehnten um bis zu zehn Prozent sinken könnten, ist es umso wichtiger, die landwirtschaftliche Produktion planbarer und widerstandsfähiger zu machen.
Viele Felder, wenig Daten
Für Landwirt*innen wie Nsengiyumva aus dem Distrikt Nyagatare gehören solche Unsicherheiten zum Alltag. Er nutzt landwirtschaftliche Beratungsdienste, um geeignete Sorten für die veränderten klimatischen Bedingungen auszuwählen, den richtigen Aussaatzeitpunkt zu bestimmen und sich auf Trockenphasen vorzubereiten.
Doch genau hierfür fehlt oft die nötige Grundlage. In Ruanda bewirtschaften viele Haushalte kleine Landparzellen für den Eigenbedarf, oft mit mehreren Nutzpflanzen auf einem Feld. Die hügelige Landschaft macht es außerdem schwierig, größere zusammenhängende Anbauflächen anzulegen. Klassische Datenerhebungen vor Ort sind daher aufwendig und können nicht ständig aktualisiert werden. Das erschwert es staatlichen Stellen, einen Überblick über die Anbauflächen zu bekommen, um die Feldarbeit zu modernisieren.
Präzise Karten zu Anbaukulturen zeigen nicht nur, wo welche Pflanzen wachsen, sondern verbessern auch unsere Planung und Ressourcenverteilung. Da die Bestimmung der Kulturen eine zentrale Feldbeobachtung ist, reduzieren verlässliche Karten den Arbeitsaufwand deutlich und steigern die Effizienz.
Florent Bigirimana, Leiter der GIS-Abteilung am National Institute of Statistics of Rwanda (NISR)
Neue Perspektive, größerer Überblick
Unterstützung kommt nun aus dem All: Mithilfe von Satellitenbildern und künstlicher Intelligenz (KI) wurde eine Methode entwickelt, um landwirtschaftliche Flächen zu kartieren. Eine Zusammenarbeit zwischen der ruandischen Raumfahrtagentur Rwanda Space Agency (RSA), dem ruandischen Landwirtschaftsministerium, Alliance Bioversity International – CIAT und der Initiative FAIR Forward – Künstliche Intelligenz für Alle des Bundeministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) ergänzte dafür bestehende Datensysteme.
Durch die Kombination von Satelliten- und Felddaten entstehen nun präzise Karten, die zeigen, welche Nutzpflanzen wann und wo angebaut werden. Aktuell wird der Ansatz in vier Distrikten für Reis, Mais, Kartoffeln und Bohnen getestet.
Bessere Planung, geringere Risiken
Die neuen Daten schaffen erstmals eine verlässliche Grundlage für übergeordnete Entscheidungen. Behörden und Beratungsdienste erkennen nun schneller, wo sich Anbaumuster verändern und Handlungsbedarf entsteht. Sie können besser abschätzen, wo bestimmte Kulturen besonders von Temperaturschwankungen, Trockenheit oder Schädlingen betroffen sind. Frühwarnsysteme lassen sich gezielter einsetzen und das nationale Subventionsprogramm für Düngemittel kann diese dort bereitstellen, wo sie benötigt werden. Der Einsatz von Pestiziden lässt sich präziser steuern, ebenso die Lagerung, der Transport und die Vermarktung der Ernten.
Die Karten verschaffen uns verlässliche Einblicke darüber, was wo und wann angebaut wird und stärken damit die saisonale Überwachung und Produktionsanalysen. So können wir Risiken besser vorhersehen, Investitionen steuern und Landwirte mit datengestützten Dienstleistungen unterstützen.
Martine Nezerwa, Chief Digital Officer, Landwirtschaftsministerium Ruanda
Für Landwirt*innen wie Kleinbauer Nsengiyumva bedeutet das vor allem eines: bessere Beratung mit auf seine Region abgestimmten Anbauempfehlungen. Er selbst wird die Satellitenkarten nicht nutzen, doch die Beratungsstellen, die ihn unterstützen, arbeiten künftig mit genaueren und aktuelleren Informationen.
Offen, nachhaltig und zukunftsfähig
Die entwickelte Kartierungsmethode ist frei zugänglich und vollständig dokumentiert. Schulungen mit der ruandischen Raumfahrtagentur und dem Statistikamt stellen sicher, dass Fachkräfte vor Ort das System eigenständig weiterentwickeln können.
Die digitalen Karten ersetzen weder Beobachtungen und Messungen auf dem Feld noch lokales Wissen. Sie ergänzen diese, um mit digitalen Werkzeugen verbesserte Grundlagen für datenbasierte Entscheidungen, einen gezielteren Einsatz von Ressourcen und ein vorausschauendes Risikomanagement zu schaffen – für eine Landwirtschaft, die auch unter Klimadruck Zukunftsperspektiven bietet.